Fahrradurlaub mit der Lebenshilfe
Sich anstrengen im Urlaub? Das ist nicht für jeden etwas. Für manche aber ist es genau das Richtige:
Ist man den ganzen Tag mit dem Fahrrad unterwegs, hat man gerade die richtige Geschwindigkeit, um kleine und große Sehenswürdigkeiten entlang des Weges wahrzunehmen. Ma
n bringt körperliche Leistung und hat am Abend ein gehaltvolles Essen wirklich verdient. Spannend ist auch das Nomadenleben, mit all seiner Habe auf dem Gepäckträger, jeden Abend in einem neuen Quartier.
Im Jahre 2000 unternahmen wir erstmals eine mehrtägige Fahrradtour. Noch unerfahren, waren die Etappen eher zu schwierig, außerdem machte uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung.
Aber immerhin: Ein Anfang war gemacht, und vor allem lagen Erfahrungen vor, auf denen man aufbauen konnte. So stellte es sich als wichtig heraus, die Strecken vorher abzufahren, damit -bei allen sonstigen Unsicherheiten- wenigstens der Weg klar war.
Im Jahre 2002 brachen wir dann zur "Tour de Ruhr" auf. Von Recklinghausen aus fuhren wir ent
lang der Lippe und Emscher bis nach Unna, dann ab Schwerte an der Ruhr zurück bis Mühlheim, schließlich zurück zum Ausgangsort. Auch das Ruhrgebiet bietet viel Grün vor beeindruckenden alten Industriekulissen, 280 Kilometer standen nach 5 Tagen auf der Uhr, mit einer ganz schweren Etappe von 75 Kilometern. Versuchen Sie das mal mit einem Dreirad!
Wenige
r Berge, kürzere Etappen, das war das Motto in 2003. Der Schweiß lief trotzdem, denn es war Jahrhundertsommer. Fahrtwindkühlung und Abkühlungen im Wasser waren bitter nötig - und natürlich ein kaltes Bier am Abend.
Diesmal fuhren wir die Lippe entlang über Wesel an den Rhein, dort hinauf bis Emmerich und an der anderen Rheinseite über Xanten zurück bis Duisburg.
Der Rhein hatte uns in den Bann gezogen, und so ging es 2004 weiter flußabärts durch Holland, über Nijmegen und Dordrecht - Recklinghausens Partnerstadt - bis an die Nordsee. Dies war bisher die einzige Tour mit nennenswert Regen, sonst lacht uns meist der Himmel. Immer wieder beeindruckend ist die niederländische Fahrradinfrastruktur. Alte Städte wie Zaltbommel und viel Natur am Saum des Flusses machten auch diese Tour zum Erlebnis.
Das Jahr 2005 brachte neue Herausforderungen: Statt 5 waren es diesmal 13 Tage, über 400 Kilometer und wir hatten ein Rollf
iets dabei, also ein Fahrrad mit Rollstuhl vorne dran. Entsprechend mussten auch die Unterkünfte rollstuhlgerecht sein. Wir begleiteten Vater Rhein aufwärts bis Koblenz und folgten dann der Mosel bis Trier. Immer gibt es auch Widrigkeiten, sei es das Wetter, ein umgestürzter Baum, der nicht umfahren werden kann, eine gebrochene Hinterachse. Es überwiegen aber die Erinn
erungen an tolle Landschaften, weinseelige Abende und eine Gruppe, die sich toll versteht.
Ganz unter dem Motto Zee,Bos,Duin en leuke Steden (Meer, Wald, Dünen und schöne Städte) stand dann schließlich die Tour 2006. In 9 Tagen ging es vom mittelalterlichen Kleinod Brügge in Belgien immer am Wasser hinauf bis Den Haag. Perfektes Wetter, perfekte Radwege - schwer zu toppen. Es entstand die Idee, vielleicht eines Tages die ganze "North-Sea-Cycle-Route" geschafft zu haben - 6000 Kilometer rund um die Nordsee! Wie alle Jahre bestand auch in diesem Jahr die Gruppe aus Teilnehmern verschiedener Wohnformen und Wohnstätten, die sonst wenig miteinander zu tun haben, und hielt gut zusammen. Für alle ist dieser Austausch eine grosse Bereicherung.
Gleich weiter an der Nordsee in 2007. Mit 14 Tagen und 420 Kilometern unsere längste Tour! Weiter von Den Haag an der Nordseeküste entlang, über Texel und Vlieland auf die andere Seite des Ijsselmeeres "gehoppt" und von d
ort zurück nach Amsterdam. Das Wetter war nicht unser Freund, diesmal. Noch jetzt sind wir erstaunt, das wir die lange Gegenwindetappe von Bergen nach Den Burg auf Texel in der Abenddämmerung dann endlich geschafft hatten. Auch der Hagelschauer kurz vor Noordwijk war nicht ohne. Aber am Ende können wir doch von vielen Highlights berichten: 11 Schiffspassagen waren zu bewältigen, manche in ganz schön kleinen Nußschalen. Und ein historischer Stadtkern jagte den nächsten. Besonders schön natürlich die Strecken direkt am Wasser. Wie jede Tour brachte auch diese ungezählte Insiderwitze hervor: Was zum Beispiel ist "Toilettenwasser"? Wenn Du es wissen willst, mußt Du mitfahren!
Vieles war anders 2008. Wir suchten Abwechslung von den vorangegangenen Holland-Etappen und fanden sie im Taubertal in Bayern.
Da im Rollfiets diesmal ein sehr stark hilfebedürftiger Teilnehmer mitfuhr, der Nachts auf Pflegebett und Patientenlifter angewiesen war, ausserdem aus Anstrengungsgründen nicht täglich mitfahren konnte, wählten wir ein festes Quartier. Das Irma-Volkert-Haus lag Ideal im Mittelpunkt des Main-Tauber-Fränkischen Radachters - einem Radweg in Form einer 8, den wir dann etappenweise abfuhren. Ein dritter Betreuer brachte uns jeweils zu den Startpunkten. Es wurde eigens ein Fahrradanhänger angeschafft. Der logistische Aufwand war erheblich, aber der Beweis angetreten, dass auch sehr schwer behinderte Menschen Fahrradurlaub machen können. Der Radweg selbst ist toll, wenngleich natürlich nicht ganz frei von schweisstreibenden Steigungen, die Gegend absolut sehenswert.
Im Juli 2009 steht dann die diejährige Tour an. Um bei moderaten Kosten trotzdem rollstuhlgerechte Unterkünfte zu gewährleisten, greifen wir grösstenteils auf Jugendherbergen zurück. Innerhalb unserer Tagesleistung von 50km gibt es da nur wenige "nicht-alpine" Langsstreckentouren in Deutschland.Und siehe da: wir sind wiederan der Nordsee. Von de
r Weser an die Eider, von Bremerhaven bis Amrum führt uns dieses Jahr der Weg, mit Mittel- und Höhepunkt in Hamburg. Neben dem Rollfiets begleitet uns diese Jahr "Gustav", ein Dreiradtandem, in dem eine Teilnehmerin vorne hoffentlich vollen Körpereinsatz zeigt. Die Zahl der Attraktionen auf dieser Strecke ist enorm, und wir hoffen angesichts der Jahreszeit auch auf jede Menge Sonne.








